Rückblick und Zielsetzung
 
Bis zum Jahre 2008 fanden auch in Dortmund einige "Offene Gartentage" statt. Sie waren vom Grünflächenamt der Stadt Dortmund und der Westfälischen Rundschau organisiert. Die vorbereitenden Informationen und die hervorragenden einfühlsamen Berichte zu den einzelnen Gärten stammten von der Journalisten Frau Sarazin. Die für 2009 geplante Öffnung musste dann aber aus "organisatorischen und finanziellen Gründen" abgesagt werden und wurde in den folgenden Jahren nicht nachgeholt.
Wir haben uns schon 2008 zusätzlich der Hospiz-Initiative Schwerte angeschlossen. Die bei den Gartenbesuchen gesammelten Spenden kamen dieser Initiative zugute. Einige andere Dortmunder Gärten folgten bald unserem Beipiel.
In diesem Jahr versuchen wir, d.h. 4 Gartenbesitzer einer Siedlungsstraße, unsere Gärten in eigener Regie zugunsten des Vereins "Elterntreff" zu öffnen. Die erwarteten Spenden sind für die krebskranken Kinder in der Städtischen Klinik Dortmund  gedacht. Wir erhoffen uns davon eine Initialzündung für andere Gartenbesitzer, ihre Gärten auch einmal im Jahr zu öffnen.
 

Die Öffnung der Gärten soll keinen Wettbewerb initiieren. Unsere Ziele sind vielmehr die Präsentation der Gärten als Lohn für die investierte Arbeit, die Kontaktpflege mit Gleichgesinnten, der Austausch  von Erfahrungen bei der Auswahl  und Pflege von Pflanzen sowie Anregungen zu erhalten für die Gestaltung des eigenen Gartens und schließlich auch - auf schöne Weise miteinander verknüpft - die mögliche Unterstützung von Menschen, denen das Leben weniger gegeben hat.

 
 
 
Auszug aus:
DGGL-Jahrbuch 2010
Garten und Kulturen - Gesellschaftliche Strömungen der Gartenkultur.
Seiten 85 bis 90
Erschienen im Verlag Georg D.V. Callwey GmbH & Co. KG, München 2010
Herausgeberin: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) e.V.
ISBN 978-3-7667-1851-8
 
 
Gesa Klaffke-Lobsien und Kasper Klaffke
 
O f f e n e  P f o r t e n
 
Das Kommunikationsbedürfnis in der Gartenkultur
 
In Großbritannien ist „Gardens Open for Charity“ eine Art Volksbewegung. Jedes Jahr gibt „The National Gardens Scheme“ (NGS)1 „The Yellow Book“ heraus. Darin sind nach Regionen geordnet Tausende von Gärten versammelt, die an bestimmten Tagen für Besucher geöffnet werden.2 1927 gegründet, verband die Aktion
von Anfang an das bekannte Interesse der englischen Gesellschaft an Gartenkultur mit wohltätigen Zwecken.
Ursprünglich wurde damit vor allem in Not geratenen Krankenschwestern geholfen. Heute unterstützt NGS
daneben vor allem die Krebshilfe und die Hospizbewegung. Die Gartenbesucher müssen also ein Eintrittgeld
bezahlen, das für „Charities“ verwendet wird.
 
In den 1980er Jahren kamen in der Bundesrepublik Deutschland Gartenreisen nach Großbritannien in
Mode. Wer sie unternahm, kam animiert und mit dem Wunsch zurück, etwas von dem dort erlebten Geist
auf unser Gartenleben zu übertragen. Gewiss standen die berühmten Gärten des National Trust oder
der Royal Horticultural Society solcher Reisen ganz vorn. Aber wenn man das Glück hatte, auch Angebote
des Garden Scheme wahrzunehmen, konnte über die Atmosphäre in diesen geöffneten Privatgärten nur staunen; denn es ging dort keineswegs nur um die beschauliche Besichtigung von Gärten. Es herrschte Party-Stimmung. Die Besucher hatten sich herausgeputzt, Frauen trugen Hüte, sie unterhielten sich, tranken Tee, knabberten Kekse und jubelten zwischendurch über gelungene Pflanzenarrangements. Viele schienen sich zu kennen und waren erfreut, eine Gelegenheit zum Wiedersehen zu haben. Kommentare, die den Garten betrafen, bewiesen Interesse und Sachverstand, aber sie fügten sich ganz harmlos in eine allgemeine lebendige Plauderei ein. 
 
Es war nur eine Frage der Zeit, dass etwas Vergleichbares auch in Deutschland entstehen würde. Weil die
Sache ohnehin in der Luft lag, beschloss im Jahr 1991 eine Gruppe von Hannoveranern, teils in der Stadtverwaltung
verankert, teils in gartenkulturell interessierten Vereinen engagiert, ihrer Stadt zum 750jährigen Jubiläum eine Initiative „Die offene Pforte in und um Hannover“ zu schenken. Neunzehn Gartenbesitzer waren spontan bereit, sich an der Aktion zu beteiligen. Das Bundessortenamt, die Landwirtschaftskammer Hannover und die Stadt bereicherten das Programm mit besonderen Angeboten. Sehr schnell schlossen sich in den folgenden Jahren weitere Organisationen, vor allem der Zweckverband Großraum Hannover, heute Region Hannover, an. Der Oberbürgermeister und der Regionspräsident übernahmen die Schirmherrschaft. In diesem Jahr wird die Aktion zum 20. Mal stattfinden. 
 
Gleichzeitig und danach haben sich überall in Deutschland in großer Zahl lokale oder regionale Offene Pforten gebildet.3 Die Organisationsformen weichen stark voneinander ab. Wie die Offene Pforte von Hannover organisiert ist, soll hier kurz und exemplarisch charakterisiert werden. 
 
Die Offene Pforte in und um Hannover 
 
Prinzipiell kann sich jeder begeisterte Gartenbesitzer an der Aktion beteiligen. Der Zeitpunkt der Öffnung eines Gartens kann von jedem selbst bestimmt werden. In dem einen Garten sind im April die Frühjahrsblüher besonders prächtig, ein anderer glänzt im Juni mit üppigem Rosenflor, ein dritter bietet besonders buntes Herbstlaub. Es wird einheitlich kein Eintrittsgeld erhoben. Die Verknüpfung mit kommerziellen Interessen ist nicht erwünscht. Eine ehrenamtliche Koordination ohne eine formale Vereinsstruktur hat sich als vorteilhaft erwiesen. Die Landeshauptstadt Hannover und die Region Hannover tragen die Kosten für die technische Herstellung, das Layout und den Druck einer Broschüre mit den Adressen und Öffnungszeiten, die in großer Auflage auch in öffentlichen Stellen ausliegt.
Sie beteiligen sich außerdem finanziell an einem Treffen der Gartenbesitzer, zu dem einmal im Jahr eingeladen
wird. Bei dieser Gelegenheit bedanken sich die Schirmherren bei den Gartenbesitzern für deren Engagement.
Im letzten Jahr haben sich fast 170 Gartenbesitzer an der Aktion beteiligt. Der Einzugsbereich reicht über die Grenzen der Region Hannover hinaus.4 Trotz aller Unterschiede der verschiedenen Offenen Pforten in Deutschland lässt sich das gemeinsame Besondere an dieser gartenkulturellen Bewegung vielleicht doch in fünf Eigenschaften zusammenzufassen.
 
Vermehrung durch Ableger
 
Verblüffend ist zunächst der selbsttätige Ausbreitungsdrang der Offenen Pforten. Sie pflanzen sich ohne zentrale Steuerung von selbst fort. Allein im Umkreis von Hannover sind seit 1991 mehrere Ableger entstanden.5 Manchmal erfolgt ein bewusster Anstoß, aber der genügt in der Regel, um eine neue Aktion dauerhaft etablieren. Die bundesweit agierenden, gartenkulturell ausgerichteten Verbände spielen bei der Verbreitung der Idee eine animierende Rolle. So hat die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) über ihre Landesverbände die Entstehung weiterer Offener Pforten zweifellos beflügelt. Andererseits konkurrieren solche Verbände auch miteinander und versuchen dieses attraktive gartenkulturelle Feld für sich zu besetzen. Der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) beispielsweise verfolgt bundesweit ein Programm „Gartenwelten“. Darin werden mit wechselnden regionalen Schwerpunkten nur von Landschaftsarchitekten gestaltete und von einer Jury ausgewählte Gärten offeriert. Die Deutsche Gartenbaugesellschaft (DGG) betreibt eine Idee „Gartenkulturpfade“, bei der mehrere lokale oder regionale Gartenangebote zusammengebunden werden. Auch Landesregierungen oder private Organisationen, zum Beispiel „Gartennetz Deutschland e.V.“6, versuchen inzwischen, das muntere Gewimmel der Initiativen einzufangen und für eigene Zwecke zu instrumentalisieren.
 
 
Der Reiz der Überschaubarkeit und die Freude am organisatorischen Wildwuchs
 
Aber es scheint so, als würden sich die Einzelinitiativen vor allem räumlich einem größeren einheitlichen Ganzen verweigern. Schon die Offene Pforte von Hannover wird von vielen als zu weit ausgedehnt empfunden. Deshalb kommt es immer wieder zu Abspaltungen, die auch bei den Organisatoren durchaus willkommen sind. Offenbar wollen die an einer Offenen Pforte Beteiligten übereinstimmend die Grenze der Überschaubarkeit nicht überschreiten. Die Gartenbesitzer und auch die Besucher möchten sich untereinander kennen. In der Regel sind sie an festen Vereinsstrukturen nicht interessiert. Die Wortführer sehen in den offenen Pforten eine Möglichkeit, ohne Fremdbestimmung, im lockeren Verbund und frei von Lobbyinteressen ihre Gartenidee zu transportieren. 
 
Die Vielfalt der Leidenschaften
 
Alle Offenen Pforten in Deutschland sind zwar gemeinnützige, aber keine Veranstaltungen zum Sammeln von Geld für wohltätige Zwecke. Die Bewegung ist in ihrer Zielsetzung vor allem eine gartenkulturelle Offerte und sie offenbart darin eine überraschende und überaus reizvolle Vielfalt der Gartentypen wie auch der Ideale und Mentalitäten ihrer Besitzer. Kleine innerstädtische Gartenhöfe stehen neben weitläufigen ländlichen Parks, hochmoderne Landschaftsarchitekturen neben ausgewiesenen Gartendenkmalen, Klein- und Bauerngärten neben großartigen Anlagen. Laien wetteifern selbstbewusst mit Professionellen, Formalisten mit Naturaposteln. Sammler versuchen, alle Pflanzenschätze der Erde in ihrem Garten zu bergen. Ästheten achten auf farblich sorgsam abgestimmte Pflanzenbilder. Rosen-, Stauden, Kamelienund Fuchsienfreunde kümmern sich leidenschaftlich um die Pflanzenkinder ihrer Wahl. Ein Modelleisenbahner werkelt an einer maßstabsgerechten Miniaturlandschaft. Der Träumer öffnet ein Fenster zur Landschaft und ein Nutzpflanzengärtner freut sich an seinen wunderbaren roten Tomaten. Nur bei manchen hat man den Eindruck, dass der Garten Vorwand ist, um Kuchen backen zu dürfen oder eigene künstlerische Bemühungen zu zeigen. Auch phantasievoll agierende Händlermentalitäten sind schwer zu bremsen.
 
Die doppelte Attraktivität des Schauens
 
In den eigenen Garten einzuladen und in andere Gärten zu schauen, das sind vermutlich die Haupttriebkräfte
für den Erfolg der Offenen Pforten. Das Bedürfnis der Gartenbesitzer ihren Garten, in den ja viel Herzblut fließt, anderen zu zeigen, und der Wunsch, über den Gartenzaun in andere private, anregende Paradiese zu blicken, verstärken sich gegenseitig. Es ist nicht schwierig Gartenbesitzer zu finden, die bereit sind, sich an einer Offenen Pforte zu beteiligen, und für Besucher ist das Angebot zweifellos attraktiv. Die Erwartungen werden selten enttäuscht. Gelegentliche Ängste vor falschen Gästen sind schnell verflogen. Gartenbesucher können die Entwicklung eines Gartens über die Jahre verfolgen. Mehrere Besichtigungen lassen sich miteinander und mit einem Ausflug verbinden. Hinzu kommt, dass die Medien sehr gern über das Thema berichten.
 
Das Sehen als Silber und das Reden als Gold
 
Die Offenen Pforten bieten eine hervorragende Plattform zur Kommunikation. Das ist in Deutschland nicht anders als in England. Die private Wohnung ist ein intimer Bereich, den man als Besitzer geschützt sehen möchte und in den man als Fremder auch nicht gern eindringt. Aber der Garten öffnet einen Zwischenraum zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre, in dem man sich sehr gut und unverbindlich miteinander austauschen kann. Die Gartenbesucher kommen also auch zum Reden, nicht nur über die Wunder des Gartens, sondern auch über andere Dinge. Deshalb eignen sich die Offenen Pforten offenbar auch sehr gut dazu, sie mit anderen Angeboten, Ausstellungen zu Bildender Kunst, Lesungen, Konzerten, Modeschauen, Theater- oder sogar Opernaufführungen zu verbinden.7 Man sieht sich, man kennt sich, man schließt sogar neue Freundschaften. Früher traf man sich selbstverständlich auf dem Marktplatz, in der Kirche, beim Bäcker oder Fleischer. Heute begegnet man sich im Garten.
 
1 www.ngs.org.uk
 
2 Schottland hat eine eigene Organisation mit einer eigenen
Publikation. wwwgardensofscotland.org
 
3 Einen Überblick über bestehende Offene Pforten bietet
Clark, Ronald (2008): Gartenreiseführer, 1400 Gärten und
Parks in Deutschland. Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst
und Landschaftskultur e.V. (Hrsg), München.
 
4 Klaffke, Kaspar, Klaffke-Lobsien, Gesa, und Langreder,
Thomas (2009): Streifzüge durch die Gartenregion Hannover,
Rostock.
 
5 Die Stadt Langenhagen, die Landkreise Celle, Hameln-
Pyrmont, Schaumburg-Lippe und Soltau-Fallingbostel betreiben
teilweise im Verbund mit der hannoverschen Aktion
eigene Offene Pforten.
 
6 www.gartennetz-deutschland.de
 
7 Das Programm „Gartenregion Hannover“ nutzt dieses
Bedürfnis auch im öffentlichen Bereich. Siehe z.B. Krüger,
Viktoria (2009): Mein Name ist Hannover – Gartenregion
Hannover. In: Garten und Medien. Deutsche Gesellschaft
für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (Hrsg), DGGLJahrbuch
2009, München, S 97 -101.

 

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